ÄSTHETISCHE BILDUNG ALS KERNGESCHÄFT


Johannes Bilstein zur Geschichte und zu den Perspektiven von Jugendkunstschulen als "Treibh├Ąusern der Inspiration"


Erfolgsgeschichte Jugendkunstschule
Seit Beginn der Jugendkunstschulbewegung sind 45 Jahre vergangen. Inzwischen gibt es allein in Nordrhein-Westfalen rund 60 Jugendkunstschulen, die insgesamt pro Jahr mehr als 70.000 Kinder und Jugendliche erreichen. Das ist ein Erfolg. Schaut man sich die "Orientierungshilfe" des Deutschen St├Ądtetages von 2003 an, f├Ąllt auf, dass die Rhetorik vor zehn Jahren noch auf Anfang gestellt ist: Kulturelle Jugendbildung, Jugendkunstschulen sind eine "Herausforderung", sie m├╝ssen entwickelt und gef├Ârdert werden. Damals wollten die Autoren Kinder- und Jugendkulturarbeit als eine "Querschnittsaufgabe zur Zukunftssicherung" weiter sichern und ausbauen, und sie entwickelten aus dieser Absicht Konsequenzen und Desiderate auf kommunaler, landes- und bundespolitischer Ebene.
Zun├Ąchst etablierten sich Jugendkunstschulen auf kommunaler Ebene zu zentralen Institutionen der au├čerschulischen Jugendbildung, die daran arbeiteten, Projekte und Kursangebote mit "Allen K├╝nsten unter einem Dach" zu entwickeln. Dort wurden fr├╝hzeitig Erfahrungen in Bezug auf Kooperationen und institutionelles Zusammenspiel gewonnen, die sich als au├čerordentlich wertvoll und zunehmend wichtig erwiesen haben. In den L├Ąndern hat sich die F├Ârderung Kultureller Bildung deutlich verstetigt. Immer mehr L├Ąnder haben eine Art kulturelles Gesamtkonzept entwickelt: Es gibt erkennbare Bem├╝hungen, der Kulturellen Bildung und damit auch den Jugendkunstschulen st├Ąrkere - auch f├Ârdernde - Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Neuerdings bem├╝ht sich auch der Bund darum, im Bereich der Kulturellen Bildung besser ins Spiel zu kommen. Hinzu kommen zivilgesellschaftliche Akteure: Eine Vielzahl von Stiftungen arbeitet im Bereich der Kulturellen Bildung - davon profitieren auch die Jugendkunstschulen.
Deutschland sollte aber auch von England lernen! Dort ist bekanntlich ein sehr er-folgreiches F├Ârderprogramm f├╝r Kulturelle Bildung aufgrund klammer Finanzen na-hezu ersatzlos gestrichen worden. Das bedeutet: Es kommt auf Nachhaltigkeit an, auf etablierte Programme und auf Konjunkturunabh├Ąngigkeit - auf diesem Gebiet haben Jugendkunstschulen Erfahrungen zu bieten.

Motivlage

Die nachhaltige Verankerung Kultureller Bildung, aus der heraus die gegenw├Ąrtigen F├Ârder-Aufmerksamkeiten entstanden sind, geht auf drei Haupt-Motivstr├Ąnge zur├╝ck. Das qualifikatorische Motiv ergibt sich aus der Hoffnung, dass man mit Kultureller Bildung besser auf die Welt von morgen vorbereitet werden k├Ânnte. Dieses Argument ist verf├╝hrerisch, aber auch gef├Ąhrlich: Wer als n├╝tzlich anerkannt werden m├Âchte, verliert sein Eigenes, den nutzlosen Eigenwert des kulturellen Bereiches, aus den Augen. Jugendkunstschulen agieren in einem Spannungsfeld, weil sie einerseits jenseits der ├╝blichen Kompetenz-Kanons qualifizieren und andererseits die Eigendynamik der K├╝nste gerade dadurch fruchtbar machen, dass sie ihre notorische Nutzlosigkeit ausspielen.
Das tendenziell sozial-kompensatorische Motiv versucht Kindern, die in unserer Gesellschaft keinen Zugang zur Kultur haben, mit Programmen die Partizipation zu erm├Âglichen und so gesellschaftliche Ungerechtigkeiten zu kompensieren. Auch hier bieten die Jugendkunstschulen Erfahrungen: Mit unterschiedlichen Gewichtungen haben sie sich von Beginn an um "Brennpunkte" aller Art, um besondere F├Ârderungsbedarfe und um die gek├╝mmert, die nicht zur normal-b├╝rgerlichen Klientel der Kulturinstitutionen geh├Âren. Und sie haben dabei die Erfahrung gemacht, wie schwierig das ist, wie langsam die Prozesse sind und mit wie vielen R├╝ckschl├Ągen zu rechnen ist.
Das kulturell-reproduktive Motiv wird h├Ąufig nicht offen ausgesprochen: Viele Institutionen der Hochkultur sehen die Notwendigkeit, junges Publikum zu rekrutieren. Wenn selbst in bildungsb├╝rgerlichen Familien Kinder nicht mehr zum Konzert oder ins Museum gehen, muss man eine entsprechende Infrastruktur aufbauen, um das auszugleichen. Jugendkunstschulen werden dies nicht als prim├Ąres Motiv ihrer Arbeit empfinden, aber es ist wichtig, dass aus den Kindern, die Jugendkunstschulen besuchen, Erwachsene werden, denen die Auseinandersetzung mit der Kunst lebenslang bereichernde Praxis ist. Das sieht in den einzelnen Sparten durchaus unterschiedlich aus. Zu fordern bleibt, dass man mehr auf die verschiedenen Eigen-Sinnigkeiten der Kunstsparten eingehen sollte. Gerade ├╝ber die unterschiedlichen Binnenlogiken der Kunstsparten wei├č kaum jemand so viel wie die Jugendkunstschulen. Die Jugendkunstschulen mussten schon immer versuchen, diese Vielfalt in Reichtum zu ├╝berf├╝hren.

Qualit├Ątsmerkmale
Bei Jugendkunstschulen geht es um "Jugend-Kunst-Schulen". Daraus ergeben sich entscheidende Perspektiven auf die Qualit├Ąt von ├Ąsthetischer Bildung. Gerade die K├╝nste liefern uns Kategorien und Kriterien f├╝r die Bewertung und Beurteilung von mit ihnen programmatisch verbundenen Bildungsprozessen. Dies f├╝hrt zu sieben k├╝nstlerisch begr├╝ndeten Qualit├Ątsmerkmalen.

  1. Aisthesis/Leiblichkeit: Der Begriff der ├ästhetik leitet sich von dem griechischen Begriff der Aisthesis her und meint Wahrnehmung. Es geht um die menschliche Sinnlichkeit, um ihre anatomisch-physikalischen Funktionsweisen und um ihre Bewertung. ├ästhetische Bildung beginnt deshalb stets mit den H├Ąnden, den Augen, den Ohren, der Nase. In den Angeboten der Jugendkunstschulen ist dieser Leibbezug immer fundamental. Jugendkunstschulen sind in diesem Sinne Arbeitspl├Ątze der Leibesbildung.
  2. Kontingenz: Die Geschichte der K├╝nste und der K├╝nstler ist von Anfang an eng mit theologischen Imaginationen verbunden: K├╝nstler sind Quasi-G├Âtter, deren entscheidendes Merkmal ihre Willk├╝r ist. Jederzeit ist alles m├Âglich. Wir brauchen Instanzen, um zu erkennen, dass das Leben nicht ausrechenbar ist. Da bieten sich die K├╝nste an: Wenn ein K├╝nstler will, kann ein Baum blau sein. Hierin begr├╝ndet sich das fundamentale Pathos der Befreiung und der Innovation, das mit dem ├Ąsthetischen Handeln verbunden ist. ├ästhetische Bildung kann man auch daran messen, ob ihr dieser Befreiungsakt gelingt, also daran, ob sie Kontingenz erwartet und offenh├Ąlt. Institutionen, die ├Ąsthetische Bildung betreiben, fungieren sozusagen als Kontingenzagenturen: zust├Ąndig daf├╝r, dass jederzeit alles passieren kann ÔÇô vor allem das Neue.
  3. Wahl/Entscheidung (cultura): Dennoch ist das Ziel nicht Beliebigkeit. Unser Kulturbegriff geht zur├╝ck auf Ciceros G├Ąrtnergleichnis: Die Pflege der Seele, die cultura animi, ist vergleichbar dem Handeln des G├Ąrtners, der w├Ąhlen, entscheiden und selektieren muss. Es ist nicht alles Kultur, was entsteht. Jugendkunstschulen wirken als Trainingslager f├╝r - nicht nur ├Ąsthetische - Entscheidungen.
  4. Prozess-Sensibilit├Ąt: Mit dem Genialismus, der den Sch├Âpfer in den Mittelpunkt r├╝ckt, beginnt sich die Aufmerksamkeit vom Werk hin zum Prozess zu verschieben. Der Sch├Âpfungsprozess, das Wirken des Genius wird interessant. ├ästhetische Bildung ├╝bt Sensibilit├Ąt f├╝r Prozesse ein, bietet ein Trainingsfeld f├╝r Aufmerksam-keiten aufs Werden. Jugendkunstschulen, das sind Werkst├Ątten des Werdens.
  5. Ganzheit: Zu den Besonderheiten eines Kunstwerkes geh├Ârt, dass es mehr als die Summe seiner Teile ist. Jugendkunstschulen stellen ein ├ťbungsfeld bereit, auf dem sich Sensibilit├Ąt und Aufmerksamkeit auf Ganzheiten und Atmosph├Ąren herausbilden. Sie sind Studios f├╝rs Ganze.
  6. Begeisterung: Gemeint ist damit eine Grundhaltung von Wertsch├Ątzung und Anerkennung gegen├╝ber den K├╝nsten. Es geht darum, Wissen und Verst├Ąndnis f├╝r die universellen Qualit├Ąten von Kunstwerken zu erwerben, eine eigene Position zu ihnen einzunehmen und dieses Verst├Ąndnis auf die eigene k├╝nstlerisch-kulturelle Arbeit wirken zu lassen. Wenn sich ├Ąsthetische Bildung auch in den Jugendkunst-schulen an den K├╝nsten orientieren will, muss sie diese Begeisterung vermitteln und mit dem Werden der Pers├Ânlichkeit in Verbindung bringen: Jugendkunstschulen sind Treibh├Ąuser der Inspiration.
  7. Selbstgestaltung (Bildung): Bei dem Begriff Bildung lag von Beginn an ein Akzent auf Selbstgestaltung. Am Anfang stand das Bild von der Statue, die sich selber haut. Dieser Autoplast mei├čelt an sich und formt sich selbst. Wir Menschen als selbstreflexive Lebewesen sind in der Lage und dazu verdammt, uns st├Ąndig selber zuzuschauen, in Distanz zu uns zu treten. Diese Paradoxie spiegelt der deutsche Terminus "Bildung" wider: dass wir als Menschen gemacht werden m├╝ssen, dass man aber Menschen nicht machen kann. Schulen, die ├Ąsthetische Bildung als Kerngesch├Ąft betreiben, wirken insofern als Institute f├╝r die Arbeit am Selbst, als Ateliers f├╝r Autoplasten.


Orte der Mu├če
Schulen, in ihrer Wortherkunft abgeleitet vom griechischen "schol├ę" waren einstmals Orte der Mu├če des freien Mannes. Schulen, wie wir sie heute kennen, sind vom Staat unterhaltene "Zwangsanstalten", in denen es um Qualifikationen und Kompetenzen, um Bewertungen und im schlimmsten Fall Aussonderung geht. Jugendkunstschulen sind im urspr├╝nglichen Sinn Orte der Mu├če, wo man jenseits der direkten Lebensnotwendigkeiten im Bezug auf die K├╝nste an sich selbst arbeitet. Sie sind Schulen im alten, eigentlichen Sinn.

Prof. Dr. Johannes Bilstein, Professor f├╝r P├Ądagogik an der Kunstakademie D├╝sseldorf

Mit freundlicher Genehigung des Autors gek├╝rzter Vortrag, gehalten im Rahmen des Jugendkunstschultags NRW 2013 in D├╝sseldorf