EINRICHTUNGEN UND ANGEBOTE:
JUGENDKUNSTSCHULEN IM VIELFALTSKONZEPT DER BKJ

von Gerd Taube

2013 feiern wir 45 Jahre Jugendkunstschulen, 30 Jahre Bundesverband bjke und auch 50 Jahre bkj. 50, 45, 30 Jahre später ist Kulturelle Bildung längst nicht mehr jene Nischenposition, die nur von einer handvoll Experten diskutiert wird, sondern, sie ist in aller Munde, vor allem im Munde von Jugend-, Bildungs- und Kulturpolitikern. Zuletzt hat das Bundesbildungsministerium Millionen für die Durchführung kleiner Projekte der Kulturellen Bildung auf lokaler Ebene zu Verfügung gestellt. Zielgruppe: Bildungsbenachteiligte. Die großen privaten Stiftungen legen Förderprogramme auf und tun sich zusammen, um einen Rat für Kulturelle Bildung einzuberufen.

Trotzdem suchen Sie heute nach neuen Perspektiven für Jugendkunstschulen in veränderten Bildungslandschaften und von mir erwarten Sie jetzt einen inspierenden und geistreichen Beitrag zu dieser Fragstellung und das alles aus dem Blickwinkel des Vielfaltskonzepts der bkj. Ich versuche zunächst die politischen Herausforderungen zu destillieren, mit denen sich Kulturelle Bildung meines Erachtens heute konfrontiert sieht.
Auf diejenigen Herausforderungen, die unter den Stichworten von demografischem Wandel, Migration, Digitalisierung und Atomisierung einer veränderten Gesellschaft, Kindheit und Jugend anzuführen wären gehe, ich heute nicht ein, da ich den beiden Festrednern nicht vorgreifen möchte.

Die Entwicklung der Jugendkunstschulen ist eng verknüpft mit der Bildungsrefomdiskussion und damit auch mit der Konzeptentwicklung der bkj. Mein Amtsvorgänger Max Fuchs erinnert sich gerne zurück an harte Auseinandersetzungen zwischen Traditionsverbänden der musischen Bildung auf der einen Seite und einer höchst agile Fraktion von neuen Kulturpädagogen, in die vor 30 Jahren das Feld der Kulturellen Bildung gespalten war. Die bkj hat heute eine tragfähige Symbiose, ein Konzept Kultureller Bildung formuliert, das keine Sparte einer anderen vorzieht, das ansetzt an den Stärken und lebensweltlichen Orientierungen der Kinder und Jugendlichen, das "Phantasie fürs Leben" lehrt. Es war ebenfalls mein Amtsvorgänger, der Jugendkunstschulen vor 5 Jahren bei einer ähnlichen Veranstaltung als "kulturpädagogische Labore" bezeichnet hat. Und er spielte damit nicht darauf an, dass sich der Einrichtungstyp Jugendkunstschule aus Modellversuchen entwickelt hat, sondern er traute diesem Einrichtungstyp eine besondere Innovationskraft zu, wenn es darum geht, neuen gesellschaftlichen Herausforderungen in der Kulturpädagogische Praxis zu begegnen.

1977 forderte ein damals wie heute revolutionäres Bund-Länder Dokument 1. ein flächendeckendes Netz der Kulturellen Bildungsangebote und 2. Kulturpädagogische Dienste für jene Orte, an denen Versorgungslücken entstanden. Dieses Dokument, der "Ergänzungsplan Kulturelle Bildung" wurde nie umgesetzt. Nie umgesetzt wurden auch die Empfehlung der Kultur-Enquete nach gesetzlichen Regelungen, die Infrastruktur der Kulturellen Bildung, unter der auch Jugendkunstschulen explizit genannt sind, zu sichern.

Was sieht man, wenn man heute in die Jugendkunstschullandschaft blickt?

  • 400 Orte der Kulturellen Bildung: interdisziplinär und spartenübergreifend, immer nach neuen Wegen und Konzepten suchend, um alle Kinder und Jugendlichen mit Kunst und Kultur zu begeistern
  • 1.280.000 glückliche Kinder- und Jugendaugen jährlich, besonders viele darunter gehören zu 6 bis 19-Jährigen: Sie gehören den Jugendkunstschul-Nutzer_innen: Gegenüber sehe ich eine etwas größere Menge, die zuschaut, sich also rezeptiv begeistern lässt von Ausstellungen, Performances, Hörspielpräsentationen etc.
  • Ich sehe eine differenzierte, überwiegend freie Trägerlandschaft
  • Durchschnittlich 21 verschiedene Kooperationspartner pro Jahrund ein unvergleichbar vielschichtiges Angebot.
  • Ich sehe einen Einrichtungstyp, der bundesweit einzigartig ist: Kein anderer kann alleine diese Vielfalt an gestalterisch-künstlerischen Möglichkeiten der professionellen Breiten- aber auch Spitzenförderung als zuverlässigen Ort für Kinder und Jugendliche vorhalten.
  • Ich sehe aber auch: Ein durchschnittliches Jahresbudget von 144.000 Euro, das nicht mal die Hälfte aller Einrichtungen realiter erreicht.
  • Ich sehe ein prekäres Verhältnis von 1 Festangestellten zu 12 freien Mitarbeitern.
  • Ich sehe die Kommune und eigen erwirtschaftete Mittel mit je ca. 40 % als wichtigste Finanzierungsquellen und ich sehe eine Landesförderung, die mit 11,3 % angesichts der Gestaltungsverantwortung, die die Bundesländer für Bildung und Kultur tragen, zu klein ist. Ich sehe hier auch eine starke Heterogenität der Förderbereitschaft in den Ländern.
  • Aber: Ich freue mich ganz besonders, dass 2013, wenn Jugendkunstschulen 45, der bjke 30 und die bkj 50 Jahre werden, der Freistaat auch endlich den Anfang in die Landesförderung der Jugendkunstschulen in Bayern sucht.


Der trockene Blick in diese Strukturdaten der Jugendkunstschulen in Deutschland zeigt, dass es der Kulturellen Bildung in Deutschland insgesamt immer noch an Zukunftssicherheit fehlt. Die vorhandenen Strukturen sind größtenteils unzulänglich ausgestattet und ungenügend gesichert. Der erste Schritt ist die Erhaltung der ohnehin knappen Infrastrukturen.
Außerdem fehlt es an Reichweite. Wir sind vom Ziel Kultureller Bildung für alle Kinder und Jugendlichen noch weit entfernt. Kulturelle Bildung muss im Bildungskanon von Bund, Ländern und Kommunen grundlegend anderes gewichtet werden. Gerade in Zeiten leerer Kassen. Es fehlt außerdem an Ausgewogenheit in der Verteilung der Angebote und Einrichtungen, insbesondere was das Verhältnis von Stadt und ländlichem Raum angeht.

Sport und Musik scheinen erfolgreicher in der Bildungsplanung angekommen zu sein als die Kulturelle Bildung. Sport und Musik haben ein klares Profil, eine extrem breite und tief gestaffelte Trägerlandschaft und eine lange Erfolgstradition, die auch förderpolitisch stark verwurzelt ist. Jeder weiß, was Sport ist, Jeder weiß, was Musik ist. Was "Kulturelle Bildung" und was eine "Kulturpädagogische Einrichtung" ist, lässt sich nicht mit wenigen Worten zufriedenstellend erklären.

Die  Kulturelle Jugendbildung und mit ihr die Jugendkunstschulen, waren immer in besonderer Weise Impulsgeber, wenn es darum ging, neue Herausforderungen zu meistern.
Jugendkunstschulen haben von Anfang an mehr als andere den Anspruch verfolgt, Kindern und Jugendlichen aller sozialen Schichten einen breiten Zugang zu verschieden künstlerischen Sparten in einem großen Reichtum an Angebotsformaten und Vermittlungsmethoden zu bieten. Und: Von Anfang an treten Sie mit einem Vernetzungsanspruch auf. Sie wollen nicht allein, sondern mit anderen relevanten Partnern, die Welt oder zumindest das Leben der Kinder und Jugendlichen bereichern. Dafür forschen Sie nach neuen Konzepten und Kooperationen, das zeigen die Einreichungen des Wettbewerbs rauskommen! und auch die Standorte des Forschungsprojektes Kunstcode.  Ich verspreche mir viel von den im Rahmen von "Künste öffnen Welten" geförderten Projekten aus dem Jugendkunstschulspektrum.

Kulturelle Bildung ist eine gemeinsame Suchbewegung, ein Prozess der Aneignung, Spiel und Laboratorium zugleich. Was zählt, sind die eigenen, subjektgebundenen Fragen, die eigenen Lösungen: Und das ist heute mehr als jemals zuvor ihr großer Trumpf: Es geht um den Umgang mit Ungewissem!

Erlangen, 15. März 2013