ERINNERUNGEN EINMACHEN


Rund 80 alte und junge Menschen begegneten sich im Literatur- und Kunstprojekt "Erinnerungen einmachen" im September 2012 zum ersten Mal. Im Mittelpunkt standen die Lebenserinnerungen der alten Menschen. Die Jungen hielten ihre Eindrücke literarisch fest und füllten ein Einmachglas mit den Erinnerungen
der Alten - bestehend aus verschiedenen Objekten und einer Fotografie. Die 40 entstandenen Einmachgläser werden im Hermann-Keiner-Haus in Dortmund ab Mai 2013 in einer Lichtinstallation des Künstlers Jürgen Mans präsentiert. Die zentrale Frage des Projekts war, ob sich Begegnung "künstlich" herbeiführen lässt. Die rund 60 Jahre Altersunterschied zwischen den Teilnehmern waren wohl der Grund, warum es bei den meisten der intergenerativen Tandems ans Eingemachte ging: Schon vor dem ersten Treffen entstand manchmal der Eindruck, dass sich die Wesen zweier weit entfernter Planeten treffen sollten. Ursachen hierfür liegen neben den rasanten technischen Entwicklungen und geschichtlichen Ereignissen sicher in den Veränderungen der Familienstrukturen und der Mobilität. Kontakt zwischen diesen beiden Lebensaltern besteht im Alltag kaum.

Nach einem Speed-Dating zur Tandembildung waren alle überrascht: Sympathie, Neugier und entdeckte Gemeinsamkeiten trugen dazu bei, die ersten Berührungsängste zu überwinden. Weitere Verabredungen folgten. Anhand der erarbeiteten Biografien und durch die Gespräche entstand ein vielschichtiges Bild: Einige der jungen Menschen berichteten von den hohen Erwartungen ihrer Tandempartner. Sie fühlten sich den teils traumatischen (Kriegs-)Erlebnissen und Erfahrungen nicht immer gewachsen. Egon, 82 Jahre, hielt seinen teils kritischen Altersgenossen entgegen: "Mir ist doch piepegal, ob eine Begebenheit einem Leben richtig oder falsch beschrieben wurde. Neugierig bin ich auf das, was bei Joel hängen geblieben ist." Johann, 86 Jahre, fühlte sich trotz aller Sympathie von Paul nicht verstanden: "Er kapiert, wenn ich von Freiheit rede, aber was absoluter Gehorsam ist, das kann er nicht erfassen. Wenn ich von Entbehrung spreche,
sehe ich die Fragezeichen in seinen Augen."

Einige Schülerinnen und Schüler waren bereit, sich mit an Demenz erkrankten Bewohnerinnen des Altenheims zu treffen. Da deren Erinnerungen teilweise verschüttet sind, rückten andere Formen der Kommunikation ins Bewusstsein. Pina, 16 Jahre, schreibt: "Ich habe gelernt, ihre Gesichtszüge zu deuten. Ich lernte zu sehen, über was sie sich freut, über was sie nicht gerne spricht, wann sie noch etwas sagen will und wann ihr ein Gedanke entschwunden ist." Raphael, 17 Jahre, erzählte erstaunt: "Meine Tandempartnerin hat mir sogar Fragen gestellt. Sie wollte wirklich wissen, wie ich so drauf bin." Nicht zuletzt sein Erstaunen hat im Projektteam den Vorsatz reifen lassen: Beim nächsten Einmachen von Erinnerungen liegt der Fokus stärker auf den Jungen, denn nur im Austausch der Generationen auf Augenhöhe kann eine lebendige Kultur der Tradition gelingen!

Manuela Wenz