UNTERSCHIED ALS CHANCE: INKLUSIVE KUNSTARBEIT


Meistens unterscheidet sich der Einzelne stark vom anderen: Jungen und Mädchen aus verschiedenen Altersgruppen, alle mit sehr verschiedenen Begabungen und unterschiedlichem Bildungsniveau - einige von ihnen sind körperlich oder geistig eingeschränkt, sitzen im Rollstuhl, haben eine Sehbehinderung oder sind halbseitig gelähmt. Oder aber die Gruppe besteht aus Jugendlichen, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland sind, da sie aus verschiedenen Krisenregionen geflohen sind. Sie sprechen kaum Deutsch, die Muttersprachen variieren von Farsi bis Chinesisch, von Arabisch bis Fanti.


Das Gefühl von Fremdheit


Die vielen verschiedenen Charaktere, Kulturen und Körperlichkeiten erfordern ein hohes Maß an Differenzierung und Achtsamkeit. Mehr als sonst ist der Dozent in mixed-abled Gruppen dem Gefühl der Fremdheit ausgesetzt. Gegen das Gefühl der Befremdung kann man sich nicht wehren. Mitunter entwickelt man als Projektleiter ad hoc eine ablehnende Haltung gegenüber einzelnen Gruppenmitgliedern. Aus der Ablehnung, wenn sie unreflektiert bleibt, resultieren Selbstvorwürfe, ein schlechtes Gewissen und meistens auch ungerechtes Verhalten dem Betreffenden gegenüber, sei es in Form von öffentlicher Zuwendung oder öffentlicher Ablehnung. Das wirkt sich wiederum ungünstig auf die Gruppe aus, deren Zusammenhalt immer auch ein Reflex auf das Verhalten des Projektleiters ist. Um solche Vorgänge zu verhindern, sollte man sich meiner Erfahrung nach grundsätzlich sehr zügig Rechenschaft über die eigenen Erlebnisse in der Gruppe ablegen und diese ernst nehmen. Angst, Unsicherheit und Abwehr sind meistens nur ein Zeichen, dass wir nicht zur betreffenden Person finden - wir wissen aber, dass sich das im dynamischen Verlauf des Projektes ändern wird. Die intensive Selbstbeobachtung des Projektleiters ist der Schlüssel dafür, diese Änderungen für alle Beteiligten möglich zu machen. Nicht selten kehrt sich anfängliche Antipathie mit der Zeit in ihr Gegenteil. Indem wir das antizipieren, geben wir der Gruppe ein wichtiges Signal zur Akzeptanz untereinander und tragen damit erheblich zum Gelingen unseres Projektes bei. Auch wenn Kinder und Jugendliche diese Vorgänge nicht versprachlichen, so achten sie doch sehr genau darauf, wie der Projektleiter beispielsweise mit dem spastisch gelähmten Jungen im Rollstuhl oder dem schüchternen, Kopftuch tragenden Mädchen aus Afghanistan umgeht. Es ist wichtig, sich als Projektleiter immer aufs Neue bewusst zu machen, dass wir den Kindern und Jugendlichen parallel zum künstlerischen Schaffen permanent Orientierung in gesellschaftlich relevanten Fragen bieten.


Spielregeln

Der Erfolg kultureller Projekte misst sich  auch am gesellschaftlichen Mehrwert und an der Vermittlung von Qualitäten wie Rücksicht, Toleranz, Respekt, Hilfsbereitschaft und Teamfähigkeit. Diese Soft Skills, die uns als selbstverständlich erscheinen, müssen in heterogenen Gruppen oftmals erklärt und ausdrücklich deklariert werden. Gerade in inklusiven Gruppen ist es sinnvoll und wichtig, von Anfang an klare und verständliche Spielregeln aufzustellen, die solche Punkte beinhalten. Aus meiner Sicht ist es ein sehr guter Weg, Kinder und Jugendliche beim Aufstellen der gemeinsamen Regeln einzubeziehen. Das erhöht die Akzeptanz der Regeln sowie auch das Entstehen von Eigenverantwortlichkeit. Es ist wünschenswert, wenn Freiräume entstehen, in denen sich ein ernsthaftes Spiel mit den Regeln entwickelt. Die Kinder und Jugendlichen merken dabei, dass es nicht um stures Disziplinieren geht, sondern um differenziertes Entscheiden in Einzelfällen. Es geht auch darum, Ausnahmen möglich zu machen, ohne die Regeln außer Kraft zu setzen. Wenn sich allerdings ein Teilnehmer den Regeln auch nach eingehenden persönlichen Gesprächen umfassend verweigert, bleibt meines Erachtens nur das Mittel der Exklusion, um die Gruppe zu schützen und das Projekt erfolgreich weiterführen zu können. Kinder und Jugendliche wünschen sich Regeln und Grenzen. Der Wunsch nach Freiheit und Freiraum ist aber mindestens genauso groß. Wichtig finde ich, gemeinsame Spielregeln immer wieder zu reflektieren und eventuell auch anzupassen. Damit wird die Frage der Einhaltung und Disziplin allmählich ein Anliegen der Gruppe selbst und löst sich im besten Fall von der Person des Projektleiters ab. 


Zur Konzeption inklusiver Kunstprojekte

Die konventionelle Konzeption von Kulturarbeit sieht meist eine homogen strukturierte Gruppe und einen singulären Künstler vor, dessen projektbezogene Tätigkeit hauptsächlich künstlerischer Natur ist und in den gemeinsamen Projektstunden stattfindet. Die Arbeit mit heterogenen Gruppen unterliegt aber anderen Bedingungen. Deswegen sollte die Konzeption inklusiver künstlerischer Projekte die besonderen Bedürfnisse dieser Gruppen mit einbeziehen und folgende Punkte berücksichtigen:

  • Prozessorientiertes Arbeiten ist kennzeichnend für inklusive Gruppen.
  • Konventionelle Projektanträge erfordern meist ein zielorientiertes Kunstkonzept und verhindern damit die Bewerbung von inklusiven Gruppen. Das Erreichen von vorgeplanten Zielen in einem vorgegebenen Zeitrahmen widerspricht grundsätzlich dem Charakter inklusiver Kulturarbeit. Entsprechend sollte das Projektkonzept freie Formen der Dokumentation oder Präsentation vorsehen.
  • Das hohe Maß an Differenzierung,das die Arbeit in inklusiven Gruppen generell kennzeichnet, erfordert mehr als einen Projektleiter.
  • Co-Teaching bzw. Team-Teaching sollten zur Regel werden, damit inklusive Projekte erfolgreich durchgeführt werden können.
  • Das deutliche höhere Maß an pädagogischer und sozialpädagogischer Arbeit - Vor- und Nachbesprechungen wie Einzelgespräche betreffend -, muss neben der organisatorischen und künstlerischen Vorbereitung in den Stundenetat mit einbezogen werden.
  • Die Teilhabe von Kindern/Jugendlichen mitzugeschriebener Behinderung an außerschulischen Kunstprojekten erfordert unter Umständen einen Etat für Fahrtkosten und Begleitung. Außerdem sollte den Projektleitern, die mit stark traumatisierten, psychisch kranken oder physisch schwerkranken Kindern und Jugendlichen arbeiten, die Möglichkeit zur Supervision gegeben werden.


Fazit

Inklusive künstlerische Projekte erfordern erheblich mehr pädagogische, organisatorische und künstlerische Vorbereitung als ein konventionelles Projekt. Folglich kosten sie bei professioneller Planung und Durchführung schlicht mehr Geld - insbesondere hinsichtlich des Stundenaufwands und der Manpower. Um die Prozesshaftigkeit inklusiver Kunstprojekte und ihren gesellschaftlichen Mehrwert transparent und verstehbar zu machen, ist es wichtig, inklusive Kunstprojekte in all ihren Facetten umfassend zu dokumentieren und ihnen Öffentlichkeit zu verschaffen. Kunst und Kultur sind meiner Meinung nach der Königsweg zur Inklusion - der Aufwand, um diesen spannenden Weg erfolgreich zu gehen, ist gesellschaftlicher, politischer und auch finanzieller Natur.

 
Gizella Hartmann
Tanzpädagogin und Choreografin, Köln