30 JAHRE HERAUSFORDERUNG

VIELFALT: ZUKUNFTSTAG DES BJKE IN ERLANGEN

Pluralität der Lebensstile, Milieus, Nationen - in der globalisierten Welt sind dies seit langem offene Zukunftsfragen. Hinzu kommen: Demografischer Wandel, Umweltschutz, Armut, Migration, Neue Technologien. Für (außerschulische) Träger der Kulturellen Bildung engen die Ausweitung der Schule auf den Nachmittag, die klamme Lage kommunaler Haushalte und die wachsende Zahl von Angeboten bei immer knapperer Zeit von Kindern und Jugendlichen die Gestaltungsspielräume zusehends ein: Immer mehr mit immer weniger?

Schauplatz für Zukunftsfragen Kultureller Bildung war im März die Jugendkunstschule Erlangen. Mit dem Zukunftstag "Phantasie fürs Leben. Neue Perspektiven für Jugendkunstschulen" feierten der Bundesverband der Jugendkunstschulen und Kulturpädagogischen Einrichtungen e.V. (bjke), der entsprechende Landesverband Bayern (LJKE Bayern e.V.) und die Jugendkunstschule Erlangen das 30-jährige Bestehen des bjke und 45 Jahre Jugendkunstschulen in Deutschland.

Jugendkunstschulen bleiben, so lässt sich das Feedback zusammenfassen, auch in veränderten Bildungslandschaften als Institutionen nötig. Aber sie müssen immer wieder an tragfähigen Netzwerken knüpfen und sich vor Ort unentbehrlich machen. Dafür brauchen sie einen starken Bundesverband, der ihre Interessen bündelt und auf gemeinsame Perspektiven zuspitzt, aber auch handlungsfähige Landesorganisationen. Als zentrale Entwicklungsaufgabe wurde mehrfach die Schärfung eines bundeseinheitlichen Profils Jugendkunstschule herausgestellt, dessen größte Herausforderung in der Vielfalt der Einrichtungslandschaft liegt. Es gilt hier, Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten, die ein markentaugliches Dach über die stark individuell geprägten Jugendkunstschulen bundesweit spannen, ohne dabei die konzeptionelle Stärke, die in der Heterogenität der Einrichtungslandschaft liegt, zu nivellieren.

Oberbürgermeister Dr. Siegfried Balleis, der den Zukunftstag in der einzigen kommunalen Jugendkunstschule Bayerns eröffnete, empfahl seinen Kollegen dem Erlangener Beispiel zu folgen. Im Eröffnungsimpuls mit Julia Nierstheimer und Peter Kamp (bjke) lobten Ministerialrat Michael Weidenhiller, Dr. Thomas Goppel und Prof. Dr. Wolfgang Zacharias die zunächst für zwei Jahre zugesagte Landesförderung für die Bayerischen Jugendkunstschulen in Höhe von 45.000 Euro als einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung.

Dr. Gerd Taube (Vorsitzender der Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V., bkj) beschrieb die Jugendkunstschulen als einen "Einrichtungstyp, der bundesweit einzigartig ist: Kein anderer kann alleine diese Vielfalt an gestalterisch-künstlerischen Möglichkeiten der professionellen Breiten- aber auch Spitzenförderung als zuverlässigen Ort für Kinder und Jugendliche vorhalten." Prof. Dr. Eckart Liebau (UNESCO-Lehrstuhl für Kulturelle Bildung, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) wies auf das veränderte Verhältnis von Schulen und Jugendkunstschulen seit Verbandsgründung hin und betonte, dass Jugendkunstschulen auch in veränderten Bildungslandschaften Gelegenheiten und Möglichkeiten zu "kulturell-künstlerischer Aktivität und Interessenbildung" bieten, die über die "schulische Alphabetisierung" hinausreichen. Insbesondere in der Schaffung niedrigschwelliger künstlerisch-kultureller Angebote, in der Begabtenförderung sowie der integrativen, inklusiven, kultur- und generationenübergreifenden Arbeit sieht er Zukunftsaufgaben für Jugendkunstschulen.

Prof. Dr. Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss (Leiterin Bundesakademie für Kulturelle Bildung Wolfenbüttel, Stiftung Universität Hildesheim) rät dem Bundesverband außerdem, das Profil Jugendkunstschule mit Blick auf andere Anbieter der Kulturellen Bildung öffentlich zu schärfen. Dabei gelte es auch kritisch zu prüfen, inwiefern Zuschreibungen wie "Alle Künste unter einem Dach" und "Vielfalt ist unsere Stärke" tatsächlich die realen Stärken des Einrichtungsfelds auf den Punkt brächten. Alle Redner mahnten die überfällige strukturelle Absicherung von Jugendkunstschulen in Deutschland an. Dem folgte auch das Abschlusspodium: "Warum wir in Erlangen eine Jugendkunstschule haben: weil sie für einen umfassenden Bildungsbegriff schlicht unverzichtbar ist", eröffnete Dr. Dieter Rossmeissl (Referent für Kultur, Jugend und Freizeit der Stadt Erlangen und Vorsitzender des Kulturausschusses des Bayerischen Städtetags) die Debatte "Jugendkunstschule 2013 ? Profile in der Landes- und Kommunalpolitik". Dem Podium gehörten außerdem Irene Fritz, Prof. Dr. Eckard Liebau und Lutz Lienke an.
Vielfältige Einblicke in die Jugendkunstschulpraxis vor Ort gaben Einrichtungen aus dem ganzen Bundesgebiet. An insgesamt sechs Thementischen wurde diskutiert, wie die Jugendkunstschulen in Deutschland den Zukunftsfragen wie z.B. Migration, Ungleichheit der Lebensverhältnisse, Globalisierung, Inklusion, Zusammenarbeit mit Schule und wachsendem Finanzierungsdruck mit ihren Angeboten begegnen. Die Vielfalt der Einrichtungslandschaft wurde im Rahmen von Kurzdarstellungen unterschiedlicher Jugendkunstschulen eindrücklich illustriert.

Annette Rollenmiller (Leiterin der Jugendkunstschule Erlangen) und der Künstler Julian Vogel überreichten zum Geburtstag ein ca. 6 mal 3 Meter großes, interaktives Graffito auf Leinwand, das vor Ort entstand und von den Tagungsteilnehmern mitgestaltet werden konnte.

Der Zukunftstag wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie von der Kulturförderung der Stadt Erlangen gefördert.